Brücken bauen

Interview mit Michael N. Schenk

Michael N. Schenk ist Heilpraktiker für Psychotherapie und alt-katholischer Priester. Er war von 2012 bis 2016 Geistlicher Leiter der City-Kirche „Namen-Jesu-Kirche“ in Bonn, die den Alt-Katholiken vom Land NRW als Bischofskirche zur Verfügung gestellt wurde. Er hat in Stranzenbach einen verlassenen ehemaligen Bauernhof zu einem Ort der Begegnung umgebaut, genannt „Ain Karem“, mit Wohneinheiten, Gruppen- und Tagungsraum und einer Kapelle, entstanden aus einem Futtersiloturm mit Anbau. Ain Karem ist zugleich der Sitz des gemeinnützigen Hilfswerks „St. Martin“, das neben vielen Hilfsprojekten auch pädagogische Präventionsarbeit für Kinder durchführt. Mit ihm sprach Josefine Dripke.

Michael N. Schenk

Was hat dich denn eigentlich motiviert, in dieser relativ ländlichen, einsamen Gegend ein geistliches und zugleich therapeutisches Zentrum aufzubauen?
Michael N. Schenk: Das sind zwei Gedankenstränge. Das eine ist, dass ich diese Idee, ein Zentrum gemeinsam mit Menschen zu betreiben, schon sehr lange in mir trage, Gemeinschaft von Alt bis Jung, aber mit einem verbindenden Kern, dem christlichen Glauben – um Menschen zusammenzuführen. Das Zweite war, dass wir Alt-Katholiken ab 2012 in Bonn mit der Namen-Jesu-Kirche das Projekt einer Citykirche gewagt haben. Ich war dort vier Jahre lang Leiter. Das wurde so unglaublich gut angenommen, dass ich daran gedacht habe, so eine Insel des Glaubens niederschwellig für Menschen, die suchen und fragen, auch auf dem Land anzubieten. Und dann kam beides zusammen. Und über „Zufälle“ – es fällt einem zu – kam dann auch dieser Ort hier. Es fügte sich…

Wie haben denn die Menschen in Stranzenbach darauf reagiert?
Schenk: Unglaublich gut. Das war eine Freude, so aufgenommen zu werden. Und die Nachbarschaft hat sich auch beteiligt, vom ersten Tag der Eröffnung an – bis heute. Da ist natürlich auch wirksam, dass wir durch unser Hilfswerk St. Martin Menschen vor Ort auch ein Stückchen Begegnung anbieten können, zum Beispiel über das Seniorencafé.

Die Kapelle, die hier zum Hof gehört, ist ein sehr ungewöhnlicher Bau. Wie ist die Idee entstanden, so eine Kapelle zu bauen?
Schenk: Diese Idee kam sprichwörtlich über Nacht. Der damalige Besitzer dieses Hofes hat mich mal in seinem kleinen Bus mitgenommen und wollte mir Land und Leute ein bisschen schmackhaft machen. Und dann kamen wir auf den Siloturm zu sprechen, und inspiriert auch durch ähnliche Umbauten in der Nachbarschaft kam über Nacht die Idee: Mensch, du hast einen Turm da stehen – mach doch was draus. Ich hab nicht gewusst, dass es ein voll betonierter Turm ist, und dann dachte ich: Ja, der Turm steht ja schon, da kannst du auch eine Kapelle daraus machen! Und als da grundsätzlich grünes Licht sowohl von unserem Bischof als auch von der Baubehörde kam, hab ich es gewagt.

Also, jeder der hier vorbeikommt…
Schenk: Es ist offen, von morgens bis abends. Und die Menschen, die sich im Gästebuch eingetragen haben, kommen teilweise von sehr weit her, auch schon über den Teich.

Jetzt kannst du mir vielleicht auch etwas sagen zu dem Namen „alt-katholisch“. Der Name „alt-katholisch“, der hört sich etwas alt an. So ein bisschen angestaubt. Was ist damit gemeint?
Schenk: Also, da kann ich dir beipflichten, es klingt nicht nur etwas alt, es ist heute ein schwieriger Begriff. Vielleicht muss man einfach zurückblättern ins 19. Jahrhundert, da war dieser Begriff „altkatholisch“ ein Modebegriff. Es ging um das Erste Vatikanische Konzil und um die Unterscheidung, dass wir die neue Dogmen in der römisch-katholischen Kirche nicht wollten. Wir wollten damit sagen: Wir bleiben der alten Linie treu. Somit stand – und steht bis heute – der Begriff „alt“ für das „Ursprüngliche“. Dass sich aber „alt“ in Verbindung mit „katholisch“ heute so verändert hat, das konnte man sich damals nicht ausmalen. Jetzt ist dieser Begriff staatskirchenrechtlich festgeschrieben. Es wäre ein großer Verwaltungsakt, diesen Namen zu verändern. Ich weiß wohl, dass dieser Begriff schwierig ist. Leider.

Hat das etwas mit der christlichen Urgemeinde zu tun?
Schenk: Unsere kirchliche Verfassung ist sehr nahe an der Verfassung der Alten Kirche orientiert. Bis heute wählt die Gemeinde den Pfarrer und unsere Kirche wählt den Bischof, der nicht einfach nur ernannt wird. Wir haben ein synodales Prinzip und waren auch Vorreiter für manche evangelische Landeskirche. Wir sind ja nicht entstanden, weil wir gegen etwas sind, sondern wir wollen bewahren, aber bleiben offen für das, was in der Gesellschaft passiert. Beispielsweise die Bewegung der Emanzipation der Frau. Darüber dachte man im 19. Jahrhundert noch gar nicht nach. Unsere Art, katholisch zu sein, hat die Hürde nicht, sich den Fragen der Moderne zu öffnen. Oder zum Beispiel bei wiederverheiratet Geschiedenen. Die Frage nach ihrem Ausschluss von Sakramenten stellt sich bei uns nicht. Diese Menschen gehören dazu und sie bleiben ihrem Gewissen verpflichtet. So können wir auch als ökumenische Brückenkirche fungieren. Wir haben das wunderbare Geschenk der gegenseitigen Einladung von alt-katholischer Seite und von Seite der EKD. Wir können uns gegenseitig zum Abendmahl einladen. Unsere Auffassung ist, dass wir Diener des Altares sind und nicht die Herren. Der Einladende ist Jesus Christus selbst.

…der auch Brücken geschlagen hat. Jetzt heißt das Ganze: Therapie- und Exerzitienhof. Da schlägst du wieder eine Brücke von „Therapie“ zu „Theologie“ – oder von Theologie zu Therapie.
Schenk: Genau, in Wechselwirkung.

Das ist ja dein Markenzeichen. Dazu gehören auch die so genannten Exerzitien. Das hört sich militärisch an, so ähnlich wie „exerzieren“. Was verstehst du denn unter diesem Begriff?
Schenk: Der Begriff „Exerzitien“ kommt von Ignatius von Loyola. Dieses „Exerzieren“ ist nach der Philosophie von Ignatius von Loyola eine geistliche Übung, die man auch trainieren, also einüben muss.

Also wie ein Körpertraining, zum Beispiel Joggen, nur hier als geistliches Training.
Schenk: Ganz genau. Und diese positive Gewöhnung, die verhilft dem Menschen auch zu einer inneren Struktur. Letztlich brauchen wir auch geistlich eine Art Geländer, an dem wir uns festhalten. Am Geländer zu gehen, zu schauen, wo ich schon alleine laufen kann, wo ich mal wieder Halt brauche – das ist ein Einüben von Möglichkeiten in mir, um meinem geistlichen Raum mehr Gestalt geben zu können. Wo kann mein Glaube wachsen? Und wenn ja, wie? Wo gibt es Erschütterungen im Leben, durch Krankheit, durch Tod, durch Abschiede, durch Trennungen? Wie kann ich sie besser überwinden? Wie halte ich Schmerz aus? Kann ich tatsächlich in mir so etwas finden wie einen Halt?

…und was bedeutet Gott in meinem Leben?
Schenk: Auch das. Die Frage nach Gott.

…die Sehnsucht, die jeder Mensch hat, nach „mehr“. Nach mehr als nur reinen Äußerlichkeiten, als materieller Befriedigung oder Zufriedenheit. Die Frage nach dem Urgrund unseres Lebens.
Schenk: Ganz genau.

Und wenn wir da übend auf den Weg kommen, sind das ja auch viele kleine Schritte, die uns möglicherweise verwandeln können in Richtung einer Lebensweise, die mit Gott verbundener ist.
Schenk: Das kann ich nur bestätigen.

Berührt das auch das Thema „Therapie“, diese Exerzitien?
Schenk: Sehr. Ich arbeite ja in meinem therapeutischen Feld sehr viel mit Menschen zusammen, zum einen mit Alltagsproblemen, aber auch mit Menschen nach Traumatisierungen – nach Vergewaltigung, nach schweren Unfällen – oder mit Menschen, die schwere Krankheit durchleben und durchleiden müssen, die oftmals an die Grenzen des Lebens gestoßen sind. Und irgendwann kommt immer wieder die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach Gott, nach dem Grund des Lebens, und ich kann als Therapeut Ressourcen eröffnen, kann aber als Theologe auch Sinnangebote machen und auf Gott verweisen – für die, die möchten. Und spannenderweise suchen sich ganz viele mich als Person in der Therapie aus, weil sie wissen, dass ich auch Priester bin. Weil sie genau diesen Teil – selbst wenn sie schlechte oder schwierige Erfahrungen mit Kirche und Glauben gemacht haben – neu beantworten möchten.

Sehr gut nachvollziehbar. Da kommen wir schon zum Nächsten: Wir sind hier durch den Wald gekommen. Auf dem Weg haben wir zwei Kühe und zwei Ponys auf der Weide gesehen. Ich habe gehört, dass sie zu Ain Karem gehören. Was hat das damit auf sich?
Schenk: Die beiden Kühe – Emma und Rosa – und die beiden Ponys – der Lucky und die Paula – werden und sind Teil eines Projektes unseres Hilfswerks St. Martin. Das ist ein gemeinnützig-mildtätiger Verein, der sich ebenso hier in Stranzenbach angesiedelt hat. Gegründet wurde er nach meinem Afrikaaufenthalt, wo ich 1995 in Kenia gearbeitet habe, um Menschen caritativ sozial zur Seite zu stehen. Wir sind derzeit über 110 Mitglieder. Die Tiere sollen zu einem therapeutischen Streichelzoo gehören, wo Menschen mit Angstthematiken, Kontaktproblemen, klein oder groß, durch die Berührung mit dem Tier wieder ein Stückchen sich selbst erleben können. So können die Tiere Teil des therapeutischen Konzepts werden.

Um wieder begegnungsfähig zu werden?
Schenk: Um letztlich wieder Mensch zu werden. Um sich wieder fühlen zu lernen, am warmen Körper.

Das Hilfswerk St. Martin ist ja offensichtlich eng mit Ain Karem verbunden. Kannst du uns den Zusammenhang erklären?
Schenk: Das Hilfswerk St. Martin versucht unter dem Motto „Helfen durch Teilen“ im Rahmen der Möglichkeiten Unterstützung zu schenken. Zum Beispiel über Seniorennachmittage. Wir leisten auch Kinderpräventionsarbeit mit dem Motto „Stopp, Hände weg“ oder „Mut macht Spaß“. Darüber hinaus haben wir sowohl in Hamburg als auch hier im Rheinland das Projekt „Hope“. Das ist ein Konzept für Frauen, die Opfer von häuslicher oder sexualisierter Gewalt wurden, um ihnen in einer Art begleiteter Selbsthilfegruppe beizustehen. Getreu dem Motto von St. Martin: „Tätige Nächstenliebe da, wo es ganz unkompliziert angebracht ist.“ Dieser Verein, der jetzt übrigens genau 20 Jahre alt ist, hat sich dann hier auf dem Hof mit angesiedelt, und ist Träger vieler Projekte geworden, wie auch der Träger zum Beispiel von dem Kapellenprojekt.

Wie bist du auf diesen ungewöhnlichen Namen gekommen „Ain Karem“?
Schenk: Ain Karem ist der Tradition nach der Ort in Israel bei Jerusalem, wo die schwangere Maria ihre Verwandte, die schwangere Elisabeth besucht hat, um ihr bei der Geburt beizustehen. Im Lukasevangelium wird diese Geschichte sehr schön erzählt – dass in dem Moment, wo die beiden Frauen sich trafen, auch jeweils das Kind im Leib der Mutter gehüpft ist. Im Grunde war das ein Vierertreff. Und Ain Karem steht für den Ort der Begegnung. Einer Begegnung von Mensch zu Mensch. Man hilft sich, aber Gott ist auch mitten unter den Menschen. Es ist eine Begegnung zwischen Mensch und Gott. Und Ain Karem heißt aus dem Hebräischen übersetzt: Weinbergquelle oder Quelle im Weinberg. Zu Jesu Zeiten gab es da sehr wahrscheinlich auch noch Wein. Und das hier ist auch eine Quelle in den Bergen – in den Hügeln des Bergischen Landes – und ein Ort der Begegnung für Menschen, die kommen, die eine Weile bleiben und wieder gehen

Und hier können sie auftanken, gestärkt werden.
Schenk: So ist das Konzept gedacht. Menschen, die hier wohnen, Menschen, die hier arbeiten und Menschen, die kommen, sowohl zur Therapie oder zu den Gottesdiensten, oder zur Freizeit. Es ist ein Ort der Begegnung. Und dabei mittendrin, unscheinbar und unsichtbar und dennoch gegenwärtig: Gott, der alles trägt.